helnwein archiv

Westdeutsche Allgemeine – 13. Februar 1988

"Lulu", Hamburger Schauspielhaus, 1988

PROVOZIERENDE PLAKATE

von HJ

5{plakate erregen zur Zeit die Öffentlichkeit an der Waterkant und am Neckar.
Das eine, entworfen von dem bekannten Künstler Helnwein, wirbt fürPeter Zadeks Neuinszinierung von Frank Wedekinds Monstertragödie "Lulu", die heute in Hamburg Premiere hat.
Es zeigt in einer Art retuschiertem Realismus den entblössten Unterleib einer Frau.
Davor steht, perspektivisch verkleinert ein Mann; es ist der Schauspieler Heinz Schubert in der Rolle des Schigolch.
Wer in dem Reklameobjekt Pornografie sieht, missversteht die Absicht des Bürgerschrecks von anno dazumal und seines Inszenators von heute: Beide wollen die Doppelmoral des Bürgertums entlarven und sexuelle Männerphantasien offenlegen.
Das sollte der Theater - wie der Plakat - Kunst erlaubt sein.

Nicht so einfach liegt der Fall in Heidelberg. Dort wirbt das Theater mit einem Foto des toten ehemaligen Ministerpresidenten Uwe Barschel für Johann Kresniks choreographische Fassung von Shakespeares "Macbeth" , deren Premiere wegen einer Bombendrohung fast geplatzt wäre. Es zeigt den Leichnam des glücklosen politikers in der berümten Badewannen-Lage.

Auch wenn die Absicht des Plakates klar ist - eine Parallele herzustellen zwischen William Shakespeares mordsüchtigem Thronräuber und den schlimmen Machenschaften Barschels -, hier stösst Theaterwerbung, zudem bar jeder ästhetischen Gestaltung, nicht nur spekulativ an die Grenzen des guten Geschmacks.
Sie verletzt auch die Menschenwürde eines Toten.
Für eine Institution,die die Verteidigung der Menschenwürde auf ihr Panier geschrieben hat, ein würdeloses Unterfangen.

Gottfried Helnwein, Lulu, Hamburg, Macbeth, Heidelberg
13.Feb.1988 Westdeutsche Allgemeine HJ

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