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Graphische Sammlung Albertina, Wien – 1. April 1985

Graphische Sammlung Albertina, Wien, 1985

GOTTFRIED HELNWEIN

von Walter Koschatzky

Arbeiten von 1970 - 1985
Seit Gottfried Helnwein das erstemal in der Albertina ausgestellt hatte, ist ein Jahrzehnt vergangen. Er hat sich seit damals längst international durchgesetzt, hat Staunen und Erschrecken, Bewunderung und Ablehnung erfahren, was alles eine deutliche Sprache spricht: was er zu sagen hat, ist mitten in die Zeit hineingesagt und ganz direkt dem Menschen dieser Zeit ins Gesicht.

Zum Geleit
Die Zeit, wo man Erfolglosigkeit für das untrügliche Zeichen künstlerischer Bedeutung hielt, ist längst vorbei. Es war dies die letzte und für beide, sich durch Jahrzehnte verständnislos gegenüberstehenden Seiten - Künstler und Publikum - unglückliche Folge des alten l'art pour l'art. Kunst, die sich selbst allein zum Ziel hat, mag es wohl zu wunderbaren, sensiblen, ästhetischen Dingen bringen. Sie hat dann aber zu wenig zu sagen, wenn sie a) ohnehin nicht akzeptiert also gar nicht gehört wird und b) wenn die eigene Zeit gar alles andere, als so wunderbar, so sensibel und so ästhetisch geworden ist.

Seit Gottfried Helnwein das erstemal in der Albertina ausgestellt hatte, ist ein Jahrzehnt vergangen. Er hat sich seit damals längst international durchgesetzt, hat Staunen und Erschrecken, Bewunderung und Ablehnung erfahren, was alles eine deutliche Sprache spricht: was er zu sagen hat, ist mitten in die Zeit hineingesagt und ganz direkt dem Menschen dieser Zeit ins Gesicht.

Das mag manchmal schmerzen, man hat von einem Aufschrei gegen die Schmerzen der Welt gesprochen, aber das Auflegen des Fingers auf Wunden bringt das so mit sich. Ich kann nur wiederholen, was ich damals bei der ersten Ausstellung der Albertina betont hatte: Kunst ist gewiß keine Unterhaltung, kein Amusement und bei Helnwein schon gar nicht. Nun vermag, zu beobachten, wie er seine stupenden Wirkungen erzielt, als erstes zu faszinieren. Da ist eben seine technische Fähigkeit in der Beherrschung der Mittel. Folgt man einem solchen Vorgang einer Bildwerdung, wo zuerst Idee zum Selbstbeobachten führt und Ausdruck zur Grimasse bis in jedes Detail programmiert, kalkuliert wird; wo dann Photographie in den Arbeitsprozeß eingeschaltet wird, um dann in einem freien, schöpferischen Malen umgesetzt zu werden, da setzt das Staunen ein. Die gekonnte Bewältigung ist tatsächlich erstaunlich. Aber was wäre das schon alles; allein gewiß zu wenig. Es könnte ein artistisches Spiel bleiben und das ist es nun bei weitem nicht. Die Darstellung der Verletzung des Menschen ist zwar eine einzige Attacke. Aber sie ist aus dem Leiden, aus dem Mit-Leiden geboren und calmiert mit ihrer Erregung eben nicht in der Manier des alltäglichen Verdrängens und Vergessens bis hin zum beruhigten "Ohnehin alles halb so schlimm", sondern sie läßt die Wunde richtig aufklaffen. Das mögen vielleicht manche nicht. Wohl eben jene, denen die Augen vor allem geöffnet gehören. Aber mir scheint auch darüber hinaus es noch eine bedeutungsvollere Schichte in diesem kühlen, schmerzenden Bildgeschehen zu geben: Daß dahinter eine unausgesprochene Sehnsucht steht, die als eigentlicher Antrieb seiner Visionen wirkt. Und um sie geht es in Wahrheit. Wo immer man Helnweins Arbeiten einordnen mag, ob man ihnen einen Ismus-Begriff verleiht oder nicht, zutiefst human bleiben sie. Auch Angst läßt weinen. Und hoffen.

(3. April bis 5. Mai 1985, Museum Albertina, Wien)

01.Apr.1985 Graphische Sammlung Albertina, Wien Walter Koschatzky